Nahrungsmittelallergien

Lebensmittel
Nahrungsmittelallergien

Ursachen

Nahrungsmittelallergien werden durch eine Reaktion des körpereigenen Immunsystems auf Lebensmittelproteine ausgelöst. Es gibt mehrere Allergietypen, je nachdem, welche Immunmodulatoren involviert sind (z. B. IgE, IgG, T-Zellen, Mastzellen, Immunkomplexe etc.), die sich in unterschiedlichen Symtomen äußern können. Die IgE-vermittelten, sofort auftretenden Reaktionen sind die am häufigsten beschriebenen Nahrungsmittelallergien. Es gibt jedoch auch weniger bekannte und oft verzögert auftretende Reaktionen, die meist kollektiv als nicht-IgE-vermittelte Allergien bezeichnet werden. Genetische und erworbene Immunstörungen, erhöhte Allergendurchlässigkeit der Darmwand (erhöhte intestinale Permeabilität) oder der Haut sind mögliche Ursachen für die Entwicklung von Allergien. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Immunsystem und dem Nervensystem der Darmwand und der Haut, was die wichtige gegenseitige Wechselwirkung zwischen Immun-, Schmerz- und psychologischen Reaktionen erklärt. Die genauen für die Allergien verantwortlichen Abschnitte der Proteinstruktur sind immer mehr bekannt, so dass z. B. Kreuzreaktionen auf Nahrungsmittel und Pollen vorhergesagt werden können. Mindestens 30% der Menschen mit einer Pollenallergie zeigen auch allergische Reaktionen im Darm (Siehe Wechselwirkung zwischen Nahrungsmittelallergien und anderen Allergien, Kreuzreaktionen). Anstrengung, Stress, Alkohol und bestimmte Schmerzmittel können bei Personen mit einer Prädisposition allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel auslösen. Auch ein Mangel an Vitamin D, Zink oder anderer Nährstoffe kann die Entwicklung von Allergien begünstigen.

Vorkommen und Verlauf

  • Erwachsene: 1-4% (basierend auf aktuell anerkannten Testmethoden)
  • Kinder: 5-8% (basierend auf aktuell anerkannten Testmethoden)
  • Geografische Unterschiede: die am häufigsten auftretenden Allergien hängen von den Ernährungsgewohnheiten ab.

Die meisten Nahrungsmittelallergien zeigen sich bereits in der frühen Kindheit, doch auch im Erwachsenenalter können sich neue Nahrungsmittelallergien zeigen, insbesondere auf Obst und Gemüse. Der natürliche Verlauf hängt von der jeweiligen Nahrungsmittelallergie ab, viele Allergien jedoch verschwinden in der späteren Kindheit, z. B. im Schulalter von selbst. Am häufigsten verschwinden Allergien gegen Eier, Milch, Soja und Weizen; Allergien gegen Fisch, Erdnüsse, Schalentieren und Nüsse hingegen bleiben meist ein Leben lang. Im Allgemeinen ist ein Anstieg der Häufigkeit von Nahrungsmittelallergien und anderen Allergien zu beobachten.

Allergiearten

Es gibt Allergien gegen fast alle Nahrungsmittel. Die häufigsten im entwickelten Westen auftretenden Allergien, die rund 90% aller Allergien ausmachen (oft ‚IgE-vermittelt‘ oder ‚echte‘ Allergien genannt), betreffen die folgenden Lebensmittel:

  • Milch
  • Erdnüsse
  • Eier
  • Soja
  • Weizen
  • Nüsse
  • Fisch
  • Meeresfrüchte
  • Gemüse (z. B. Karotten, Sellerie, Tomaten, Bohnen, Senf)
  • Fleisch (z.B. Rindfleisch, Schweinefleisch)

Latex-Lebensmittel-/Obstallergiesyndrom: Wechselwirkung zwischen Latex-Kontaktallergie und Nahrungsmittelallergie, die in 30-80% aller Fälle von Latexallergie vorkommt. Häufige Kreuzreaktionen sind Allergien gegen:

  • Bananen, Avocados, Kastanie, Apfel, Kiwi, Kartoffel, Tomate, Melone, Papaya. Weniger häufig sind Kreuzallergien gegen Feigen, Ananas, Pfirsich, Birnen, Passionsfrucht, Walnuss, Haselnuss, Mandeln, Grapefruit, Erdbeeren, Spinat, Kopfsalat, Sellerie und diverse Gewürze.

Zöliakie: Allergie gegen Gliadin bzw. Gluten; tritt bei ca. 1% der Nordeuropäer auf und etwas seltener bei anderen Bevölkerungsgruppen (siehe Zöliakie).

Eosinophile Ösophagitis und Enteritis: Infiltration der Wand von Speiseröhre und Darm mit allergischen Zellen, was zu einer gestörten Funktion führt (siehe Eosinophiles gastrointestinales Syndrom). Es bestehen oft gleichzeitg Nahrungsmittelallergien.

Pollen-assoziierte Nahrungsmittelallergien: Symptome des Magen-Darm-Trakts tauchen bei mind. 30% der Personen mit einer Allergie gegen eine andere Substanz als ein Nahrungsmittel auf. Die häufigste dieser Art von Kontaktallergien ist bekannt als orales Allergiesyndrom oder Nahrungsmittelkontakt-Hypersensitivitätssyndrom. Rund 80% aller Allergiker gegen Birkenpollen, sowie seltener Allergiker gegen Beifuß oder Ambrosienkraut haben Jucken oder Schwellungen im Mund sofort nach dem Essen von kreuz-reagierenden Lebensmitteln, am häufigsten Obst, Nüsse und Gemüse. (Siehe Wechselwirkung zwischen Nahrungsmittelallergien und anderen Allergien, Kreuzreaktionen)

Pseudoallergische Reaktionen sind klinische Reaktionen, die aussehen wie eine allergische Reaktion, jedoch ohne eine erkennbare immunologische Sensibilisierung. Dies kann Reaktionen auf sowohl natürliche, als auch künstliche Lebensmittelinhaltsstoffe betreffen, aber auch auf Medikamente oder Röntgenkontrastmittel (siehe Sonstige Nahrungsmittelreaktionen)

Symptome

Allergische Reaktionen, die den Verdauungstrakt betreffen, können zu einer Reihe von Symptomen führen, die von einem harmlosen Kribbeln im Mund bis zum lebensbedrohlichen Schock reichen und die ein paar Stunden bis zu mehreren Tagen anhalten können.

Mindestens 30% der Patienten haben Symptome ähnlich derer einer sog. funktionellen Darmerkrankung wie Reizdarmsyndrom, funktionellem Durchfall oder funktionellen Verdauungsstörungen: Übelkeit, Erbrechen, Blähungen, Bauchkrämpfe und -schmerzen, Durchfall, Schluckbeschwerden oder Reflux. Ein Kribbeln, Jucken oder Anschwellen im Mund, auf der Zunge oder im Hals sind oft Anzeichen eines oralen Allergiesyndroms (siehe Wechselwirkung zwischen Nahrungsmittelallergien und anderen Allergien, Kreuzreaktionen), die bei Teenagern und Erwachsenen am häufigsten beobachtete Nahrungsmittelallergie. Andere mögliche Zeichen für eine Nahrungsmittelallergie sind Hautreaktionen wie Jucken (Nesselsucht), Ausschlag, Ödeme oder Schwellungen, sowie Atemwegsprobleme wie eine laufende Nase, Nebenhöhlenentzündung, Asthma oder Bronchitis. Oft wird von Reaktionen des Nervensystems wie Erschöpfung, chronische Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Migräne und psychiatrische Störungen, und Symptomen an Muskeln und Skelett, einschließlich Gelenk- und Muskelschmerzen berichtet. Im Extremfall kann es zu einem anaphylaktischen Schock (Kreislauf Zusammenbruch) kommen. Diese Reaktionen tauchen am häufigsten bei Jugendlichen mit Asthma und Erdnussallergie auf.

Bei Kleinkindern kann eine durch Lebensmittelproteine ausgelöste Entzündung des Darms (Proktitis, Kolitis oder Enteropathie), meist infolge einer Allergie gegen Kuhmilch oder Soja, zu einer ernsthaften Erkrankung führen. Charakteristische Symptome sind Durchfall, Erbrechen, blutiger Stuhlgang, Schmerzen und Resorptionsstörungen.

Behandlung

Der wichtigste Schritt zur Behandlung einer Allergie ist die Identifikation des Nahrungsmittels oder der anderen Substanzen die eine allergische Reaktion auslösen (siehe Nahrungsmittelallergien: Tests), sowie mögliche Kreuzallergien festzustellen (siehe Wechselwirkung zwischen Nahrungsmittelallergien und anderen Allergien, Kreuzreaktionen). Der dauerhafte Verzicht selbst auf kleinste Mengen der allergieauslösenden Substanz(en) ist immer noch der beste Weg, das Auftreten oder gar die Verschlechterung von Symptomen zu vermeiden. Neuste Erkenntnisse zeigen, dass die Einnahme von kleinen Mengen der Allergene bei einer Allergie gegen Eier oder Milch auf lange Sicht die allergische Reaktion vermindern kann. Der vollständige Verzicht auf das Allergen erweist sich häufig als schwierig und bedarf oft eines Ernährungsberaters sowie ein hohes Maß an Motivation und Disziplin. Das sorgfältige Studieren der Inhaltstoffe in Lebensmitteln, Medikamenten und in einigen Fällen auch Haushalts- und Kosmetikprodukten ist unbedingt anzuraten. Im Falle einer Allergie gegen Obst oder Gemüse ist dringend ein Ernährungsberater zu konsultieren der dabei hilft, die betreffenden Lebensmittel adäquat zu ersetzen, um Mangelerscheinungen vorzubeugen.

Verschwinden die Symptome durch die Ernährungsumstellung nicht, können Medikamente hilfreich sein, z. B. mit Cromoglicinsäure, Ketotifen oder einer Kombination aus Antihistamininen und Probiotika. Gegenwärtig gibt es nicht ausreichend Belege, die für die Verwendung von Steroiden oder neuerer Wirkstoffe sprechen, mit Ausnahme im Falle einer eosinophilen Darmerkrankung. Allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel können sehr schwer verlaufen, manchmal sogar lebensbedrohlich sein. Eine medizinische Diagnose und Behandlung ist unbedingt notwendig. Notfallinjektoren (z. B. Epipen™) sollten für den Fall einer schweren allergischen Reaktion immer mitgeführt werden. Bei manchen Patienten und manchen Allergieformen, besonders bei Pollen-assoziierten Nahrungsmittelallergien, kann eine Immuntherapie helfen, der Effekt ist meist aber nicht langanhaltend. Weitere Behandlungsmethoden, z. B. Impfung, anti IgE und andere Antikörper, Toleragenpeptide, rekombinante Epitope zur Hyposensibilisierung, Medikamente gegen Mastzellen, sowie die molekulare Veränderung des entsprechenden Eiweißes befinden sich noch im Entwicklungsstadium.

Die Empfehlungen zur Vermeidung von Allergien der American Academy of Pediatrics wurden kürzlich überarbeitet und lauten nun: Nach neusten Erkenntnissen spielen der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel während der Schwangerschaft sowie der Stillzeit zur Vermeidung von Allergien keine wesentliche Rolle. Es gibt Belege, dass Stillen über einen Zeitraum von mind. vier Monaten verglichen mit dem Füttern von Säuglingsnahrung mit intakten Kuhmilchprotein das Auftreten von atopischer Dermatitis, Kuhmilchallergie und Asthma im frühen Kindesalter verhindern oder heraus zögern kann. Die gegenwärtige Sachlage kann keinen schützenden Effekt vor atopischer Dermatitis durch eine Diät nach dem vierten bis sechsten Lebensmonat bestätigen.

Wissenswertes

  • Das Erhitzen von Lebensmitteln in der Mikrowelle (z. B. bei 90˚C) oder Kochen reduziert oder verhindert die allergische Reaktion auf viele Lebensmittel, jedoch nicht auf Erdnüsse!
  • Beim oralen Allergiesyndrom kann das Schälen von Obst oder das Essen von frisch oder unreif geerntetem Obst die allergische Reaktion vermindern.
  • Bei hoch allergischen Personen kann schon das Einatmen der Nahrungsmittelallergene heftige Reaktionen auslösen. Dies gilt z. B. für Mehl, Eiweiß und Schalentiere.
  • Eine Immuntherapie (‚Allergiespritze‘) gegen Heuschnupfen kann auch die Kreuzallergie gegen Nahrungsmittel verbessern.
  • Suchen Sie ärztliche Hilfe auf, wenn Sie aufgrund einer schweren Nahrungsmittelallergie einen Notfallinjektor verwenden mussten, da 4 bis 12 Stunden nach der ersten Reaktion eine verspätete Reaktion auftreten kann.
  • Intestinale Resorptionsstörungen (z. B. Laktose oder Fruktose), sowie ein verlangsamtes Ausscheiden des Darminhalts können die Anfälligkeit für eine Nahrungsmittelallergie erhöhen.
  • Nahrungsmittelallergien und Nahrungsmittelintoleranzen (Siehe Nahrungsmittelintoleranzen) können gemeinsam auftreten. Führt der penible Verzicht auf ein Nahrungsmittel nicht zu einer erheblichen Verbesserung der Symptome, sollten Sie weitere Intoleranzen oder Allergien ausschließen.
  • Hauttests und Bluttests auf IgE können bei intestinalen allergischen Reaktionen eine Nahrungsmittelallergie nicht ausschließen. Sie können jedoch in eine hilfreiche Richtung weisen.
  • Mindestens sechsmonatiges Stillen sowie die frühzeitige Einnahme von Probiotika während und unmittelbar nach der Schwangerschaft können nahrungsmittelbedingte allergische Reaktionen bei Kindern reduzieren.
  • Wenn auch unter Allergiespezialisten höchst umstritten, konnten IgG4-Bluttests gefolgt von einer Nahrungsanpassung zu einer hilfreichen Reduktion von Darmbeschwerden bei Patienten mit funktionellen Darmerkrankungen führen.
  • Allergien gegen Lebensmittelzusatzstoffe (z. B. Tartrazin, Mononatriumglutamat, „natürliche Zusatzstoffe“) sind selten, können jedoch sehr schwerwiegend sein. Ein Hinweis kann sein, wenn die Symptome manchmal, aber nicht immer nach einem Nahrungsmittel oder einem Getränk auftreten. Je nachdem, ob im Essen Zusatzstoffe waren oder nicht.
  • Nahrungsmittelallergien und Anaphylaxie können durch ungewohnte körperliche Anstrengung hervorgerufen werden. Dies ist besonders häufig bei der Weizenallergie der Fall.

Literaturlinks

 
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